Wenn Rollis fliegen In meinem „ersten Leben“ war es für mich kein Problem und auch finanziell immer wieder mal erschwinglich, kurzentschlossen dem schlechten Wetter, einem langen Winter oder dem grauen Alltag zu entfliegen. Ein günstiges Last-Minute-Angebot in die Sonne war schnell gefunden und die Reisetasche flugs gepackt. Denn in meinem ersten Leben war ich flexibel, spontan und beweglich. Das alles wäre ich eigentlich auch heute noch, hätte ich nicht den „Mann meines Lebens“ gefunden. Dieser Mann, Ferdinand, wiederum entfliegt, wie ich, leidenschaftlich schlechtem Wetter, langen Wintern und grauen Alltagen. Er ist auch genau so flexibel und spontan wie ich, lediglich die Beweglichkeit fehlt ihm. Nur mit einem Elektrorollstuhl ist ihm möglich, sich selbständig fortzubewegen. Last-Minute-Angebote in die Sonne sind also Vergangenheit, „Entfliegungen“ müssen nun langfristig geplant und organisiert. So zum Beispiel wollen wir im Januar 2007 für zwei Wochen auf eine kanarische Insel. Ein Freund, ebenfalls auf den Elektro-Rollstuhl angewiesen, schließt sich an. Im September beginnen wir mit den Vorbereitungen und finden glücklicherweise das Reisebüro unseres Vertrauens, welches für uns nach einem Ziel mit Direktflug und behindertengerechten Unterkünften sucht, sich dort nach Türbreiten oder Liftmaßen erkundigt, frühzeitig Ein- und Ausstieghilfe an den Flughäfen beantragt und der Fluggesellschaft zu übermitteln versucht, wie behindert der Kunde ist. Wir besorgen ärztliche Atteste, welche bestätigen, dass dieser unbewegliche, krumme, hilflose Mensch wider allen Erwartungen gesund genug ist, eine Flugreise zu überleben, wiegen und messen Rollstuhl, Atemgerät und sonstiges Sondergepäck. Am 18. Januar früh morgens geht es dann los, das Ziel heißt La Palma. Eigentlich geht es schon am 17. Januar los, da wir den Vorabend-Check-in nutzen, um das Reisegepäck ohne Hektik und Warteschlangen abzugeben. Am Eingang zum Zentralgebäude, wo sich der Abfertigungsschalter der Hapag Fly befindet, gibt es allerdings keine Parkmöglichkeit, auch nicht für Behinderte. Es ist alles reserviert für Taxis und Firmenfahrzeuge. Ferdi und ich steigen aus, laden das Gepäck auf einen Trolly und gehen ins Gebäude. Ferdis Helfer Frank bringt das Auto auf einen Behindertenparkplatz am Terminal B. Doch alle Schalter der Hapag Fly im Zentralbereich sind wegen Umbauarbeiten geschlossen und befinden sich, wie wir an der Information erfahren, vorübergehend im Terminal B. Na, wenigstens steht das Auto schon mal richtig! Nach einem gewaltigen Marsch durch die ästhetisch strukturierte bauliche Anlage, für deren hohe Qualität und betriebliche Wertschöpfung der Flughafen München etliche Auszeichnungen und Preise erhielt, finden wir endlich den Schalter. Das Personal an der Abfertigungsstelle erweist sich als sehr hilfsbereit und freundlich. Das Übergepäck ist genehmigt und stellt kein Problem dar. Da wir fälschlicherweise davon ausgegangen waren, hier auch spezielle Aufkleber für sehr vorsichtig zu behandelnde Gepäckstücke zu bekommen und wir die lebenswichtigen Atemgeräte keinesfalls ohne diese deutlichen Hinweise aufgeben wollen, sucht und findet die nette Dame in irgendeiner Schublade doch noch welche. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass die bereits bei der Buchung des Flugs angeforderte Hilfe beim Einstieg informiert wurde und wir die am besten geeigneten Sitzplätze bekommen, sind wir recht zuversichtlich und fahren heim. Um 5 Uhr 45 holen uns Freund Christian und sein Helfer James, der nur als Chauffeur fungiert, ab. Mit auf die Reise geht Helfer Michi, den wir am Flughafen treffen werden. Die Bagage besteht nur noch aus unserem Handgepäck, zwei klappbaren Rampen und einer sogenannten Hustenmaschine, welche Christian kurzentschlossen zusätzlich zu den angemeldeten medizinischen Geräten mitnehmen möchte, da er vor kurzem an einer Erkältung gelitten hatte. Dank unserer gestrigen Erfahrungen parken wir sofort am Terminal B und erreichen den Schalter auf dem kürzesten Weg. Michi ist wie verabredet da und James fährt mit Christians Auto wieder heim. Es gibt wieder kein Problem mit dem Gepäck, die Dame am Check-in ist ebenfalls sehr hilfsbereit und freundlich. Der Flug hat etwa eine Stunde Verspätung. Ferdinand und Christian nützen die Zeit, um ganz in Ruhe noch einmal auf die Toilette zu gehen, was für sie ja im Flugzeug wegen der sehr engen WCs nicht mehr möglich sein wird. Wenn sie erst mal auf ihren Sitzen „verstaut“ sind, sind sie völlig immobil. Dann läuft alles beinahe perfekt. Da Passagiere mit Behinderung immer als erste ein- und als letzte aussteigen und wir bei der Buchung angegeben haben, dass es sich beim Grad der Behinderung um „WCHC“ (Wheel Chair Cabin Seat) handelt, was bedeutet, dass dieser Gast immer einen Rollstuhl benötigt, sich auch in der Kabine nicht ohne fremde Hilfe bewegen kann und einen eigenen Rollstuhl mitführt, kommen wir, begleitet von zwei Männern vom MD Medicus, welche den beiden Behinderten beim Einsteigen helfen werden, ohne Gedränge bis vor die Tür des Flugzeugs. Christian, aufgrund von Muskelschwund geh- und stehbehindert, ist stabil genug, um hier in den flughafeneigenen Rollstuhl gesetzt zu werden, welcher schmal genug ist, um durch den sehr engen Gang zwischen den Sitzreihen geschoben zu werden. Da auch der Abstand zwischen den einzelnen Sitzreihen sehr knapp bemessen ist, wird es zwar eine anstrengende Aktion, den großen, kräftigen Mann auf seinen Platz am Fenster zu hieven, aber es klappt. Ferdinand, nach schwerer Kinderlähmung im Alter von 2 Jahren körperbehindert, kann in diesem Flughafen-Rollstuhl nicht transportiert werden, da er so wie man ihn reinsetzt auch wieder rausrutschen würde. Er muss in die Kabine getragen werden, was mit seinen etwa 40 kg kein Problem ist, wenn man weiß, wie man ihn trägt. Die verstellbare Rückenlehne seines Elektrorollstuhls wird ganz flach gestellt, so dass er im Rollstuhl liegt. Ich zeige dem Medicus- Angestellten, wie er einen Arm unter Ferdinands Schulter, den anderen unter seine Oberschenkel schieben, ihn horizontal hochheben und so auch wegtragen kann. Der Mann macht das hervorragend und legt ihn sichtlich erleichtert auf unsere Sitzreihe. Ihn auf dem Fensterplatz auch noch hinzusetzen ersparen wir ihm, da ich im Gegensatz zu ihm genau weiß, wie und wo man Ferdinand anpacken kann, ohne ihm unnötig weh zu tun. Doch erst müssen wir, Michi und ich, uns um die Rollstühle kümmern, die in den Laderaum gebracht werden müssen. Wir schalten also die Batterien ab, stellen auf manuelle Fahrweise um, so dass die über 80 kg schweren Gefährte geschoben werden können und zeigen dem Personal, welche Hebel sie quasi als Bremse umlegen müssen, damit die E-Rollis während dem Flug sicher stehen. Die ersten Passagiere drängen bereits durch das Terminal, also nichts wie weg mit den Rollstühlen… Nun kümmere ich mich darum, dass Ferdinand zumindest beim Start ordnungsgemäß auf seinem Fensterplatz sitzt. Zwischen den Rückenlehnen der Vordersitze und unserer Sitzbank ist kaum Platz genug, dass ich vernünftig stehen kann. Doch irgendwie schaffe ich es, ihn am Rücken hochzuheben, gleichzeitig seine Beine in Sitzstellung zu bringen und seinen Po nach hinten zu schieben, den Gurt festzumachen und es ihm mit Hilfe unserer eigenen Kissen und Decken einigermaßen bequem zu machen. Einfacher wäre die Aktion, wenn er auf dem Platz am Gang sitzen könnte, da man hier mehr Bewegungsfreiheit hätte. Aber die Fluggesellschaft, so erklärte man mir, besteht darauf, gehbehinderten Menschen Fensterplätze zuzuweisen, weil diese sonst bei eventuellen Rettungsaktionen nichtbehinderte Menschen behindern würden… Wir haben Glück, der Flug ist nicht ausgebucht und der dritte Platz in unserer Reihe bleibt frei. Ferdinand kann nämlich keinesfalls 5 Stunden (so lange dauert, da wir wie bereits erwähnt als erste ein- und als letzte aussteigen, für uns etwa ein 4-Stunden-Flug) sitzen. Nach dem Imbiss, der uns serviert wird, zwänge ich mich also wieder zwischen Rückenlehne und Sitzbank und bemühe mich, ihn hinzulegen ohne ihm große Schmerzen zuzufügen. Sein Kopf auf meinem Schoß bedeutet, dass ich nun beinahe ebenso unbeweglich bin wie er. Wir sind heilfroh, dass zur Landung niemand verlangt, er solle wieder ordnungsgemäß sitzen! Ich habe das Gefühl, die Schlange der aussteigenden Passagiere endet nie. Doch der Schein trügt, endlich sind nur noch eine Stewardess und wir 4 im Flugzeug. Im hinteren Teil der Kabine beginnt das Reinigungspersonal mit ihrer Arbeit. Wir stellen erschrocken fest, dass kein sogenannter „Finger“ vom Flieger in das Flughafengebäude führt, sondern das Flugzeug über Treppen auf das Vorfeld verlassen werden muss. Zwei spanische Angestellte des dortigen Flughafen-Behindertenservice kommen mit dem schmalen Flughafen-Rollstuhl, setzen Christian hinein, schieben ihn bis zur Tür und heben ihn samt Rollstuhl die Treppen hinunter. Sein Elektrorollstuhl steht unten parat, er wird umgesetzt und alles ist gut. Ferdinands Rollstuhl ist noch nicht da. Die Stewardess erklärt mir, dass das Personal vom Gepäckservice es nicht schafft, die Bremsen zu lösen und ihn auf irgendeine Weise zu bewegen. Ich solle doch bitte behilflich sein. Das bin ich doch gerne! Im Laufschritt die Treppen runter, um das Flugzeug herum zum Laderaum, wo der Rollstuhl hilflos rumsteht. Ich versuche, die Batterien wieder zu aktivieren, doch es klappt nicht. Vielleicht bin ich zu nervös. Also lege ich nur die beiden Bremshebel um und schiebe das Gefährt bis vor die Treppe. Nun schnell die Bremse wieder rein und die Gangway rauf. Hilflos, heftig gestikulierend und mit der Stewardess diskutierend stehen die eigentlich hilfsbereiten Männer vor der krummen und wehrlos daliegenden Gestalt namens Ferdinand. Als ich ihnen zeigen will, wie sie ihn anpacken sollen, schütteln sie energisch den Kopf. Sie wollen ihn nicht tragen, es sei zu gefährlich, übersetzt die Stewardess. Mein Angebot, ich würde ihn selber hinunter tragen, wird sowohl von der Flugbegleiterin als auch von Ferdinand rigoros abgelehnt. Die Putzkolonne wartet bereits ungeduldig darauf, dass wir den Weg freimachen und sie weitermachen können. Da ich kein Spanisch verstehe, weiß ich nicht, warum sich einer der beiden plötzlich doch zeigen lässt, wie Ferdinand getragen werden kann. Nachdem ich also die Griffe vorgeführt habe, ziehe ich ihn am Kopf soweit vom Sitz heraus auf den Gang, dass der nun so bereitwillige Angestellte ihn problemlos unter Schultern und Oberschenkel fassen, anheben, aus dem Flugzeug und die Treppen hinunter tragen und sicher in seinen Rollstuhl legen kann. Wieder schaffe ich es nicht, die Batterien, die ich mit einem dafür vorhandenen Magnet abgeschaltet hatte, wieder anzuschalten. Doch Michi stellt rasch fest, dass der Stecker vom Motor herausgezogen worden war. Jetzt funktioniert alles, wir können quer über das Vorfeld ins Gebäude, um unser Gepäck zu holen. Der Hinflug war geschafft! Unser Gepäck ist vollzählig und heil, eine TUI-Angestellte begleitet uns zu dem bestellten und parat stehenden Sondertransfer ins Hotel. Wir genießen zwei Wochen La Palma mit Sonne und Meer in einem für Rollstuhlfahrer bestens geeigneten Hotel. Drei Tage vor dem Rückflug: Sicherheitshalber erkundigen wir uns bei der Dame von TUI (da ich ihren Namen nicht mehr weiß, nenne ich sie für den Rest der Geschichte „Maria“), ob in Sachen Transfer, Behindertenservice und Flugzeiten irgendwelche Änderungen zu erwarten sind. Keine Änderungen, erfahren wir, doch mit der Einstiegshilfe für Ferdinand gäbe es Komplikationen. Die Angestellten, die beim Aussteigen geholfen haben, hätten sich beschwert. Ferdinand sei zu schwer, um ihn ohne den Flughafen-Rollstuhl aus dem oder in das Flugzeug zu tragen. Christian, der gut 20 kg schwerer als Ferdinand ist, kann bei dieser Aussage ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken. Aber die Fluggesellschaft wollte sich noch etwas einfallen lassen, wir bekämen noch Bescheid und brauchten uns keine Sorgen zu machen. Ein Anruf am nächsten Tag versichert uns, es sei alles geregelt. Der Transfer ist pünktlich. Am Flughafen empfängt uns Maria, begleitet uns zum Check-in und regelt dort, der spanischen Sprache mächtig, alles für uns. Nach einem Blick auf die Platzkarten stellt Christian fest, dass er die Sitze „C“ und „D“ bekommen hat. Da zwischen diesen beiden Sitzen der Gang liegt, würde sein Helfer Michi also nicht direkt neben ihm sitzen, was jedoch dringend erforderlich war. Maria versteht das, sammelt unsere Bordkarten wieder ein und geht erneut an der Schalter, um das zu ändern. Als sie die neuen Karten bringt, haben Ferdinand und ich „C“ und „D“, was ja noch unmöglicher war. Aber das wäre nur auf dem Papier so, erklärt Maria, für uns beide wären nun 4 Sitze, also „A“ bis „D“ reserviert, weil das Flugzeug nicht ausgebucht sei.
Ferdinand Schießl
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