Polios sind freundliche, ehrliche und liebenswerte Geschöpfe, die heutzutage nur noch sehr selten vorkommen. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Menschen nie so recht mit ihnen umzugehen wussten und glaubten, sie müssten verhindern, dass sie sich vermehrten. Denn Polios werden nicht als solche geboren, sondern ganz unauffällig und herkömmlich als winziges, das Leben mit kräftigem Schreien begrüßendes Menschen-Baby. Nur die Polio-Viren, klitzekleine und mit bloßem Auge nicht sichtbare Geschöpfe, die in großen Scharen weltweit immer auf der Suche nach ihnen sind, erkennen sofort, welchem neuen Menschlein ein Leben als Polio zugestanden werden könnte. Schon beim ersten Schrei eines Neugeborenen können sie erkennen, ob ein Polio-Kandidat das Licht der Welt erblickt hat. Wenn dem so ist, versuchen sie eifrig, den neuen Erdenbürger so früh als möglich für sich zu gewinnen. Denn je jünger, unbeschwerter und ursprünglicher der Anwärter, desto größer die Chance, dass sich aus ihm ein echter, manchmal gar ein Königspolio entwickeln könnte. Die Zeit, in der die Viren ein Kind in einen Polio umwandeln, wirkt für die Menschen grausam und gefährlich. Wenn die Entwicklung beendet ist, betrachten sie diese neuen Wesen mitleidig und reihen sie, weil sie es ja nicht anders wissen, in die Kategorie „behinderte Menschen“ ein. Und weil Behinderung nun einmal etwas sehr negatives ist, versuchen hochintelligente Wissenschaftler seit vielen Jahren, die Aktivitäten der Viren zu stören und arbeiten unerbittlich daran, sie zu bekämpfen und zu vernichten.  Doch auch heute noch gelingt es den emsigen Viren ab und zu, die Menschen zu überlisten und neue Polios zu erschaffen. Königspolios aber, diese hellwachen, sehr klugen und geistreichen Geschöpfe in ihren kleinen, verkrümmten und aus menschlicher Sicht nutzlosen Körpern, gelingen so gut wie nicht mehr, weil die Viren meist bevor sie ihre Arbeit sorgfältig beenden können entdeckt und vernichtet werden… Frohgestimmt und heiter beginnt ein Königspolio, also ein voll ausgebildeter und überzeugter Polio, jeden Tag, genießt jede Stunde und tut nur das, woran er Freude hat. Ob männlich oder weiblich, Königspolios neiden niemandem etwas, gönnen sowohl ihren Mitpolios als auch ihren Mitmenschen alles, sind sehr einfühlsam, hilfsbereit und für alles offen. Sie sind kurz gesagt die friedvollsten Wesen auf Erden.  Doch auch sie haben Feinde:  Die Dollmäns  Große, kräftige Vögel sind das, mit schwarzem Federkleid, gewaltigen Krallen und mächtigem Schnabel. Sie lieben die Polios – jedoch nur, um sie zu jagen, zu fangen, zu zerfleischen und häppchenweise zu verschlingen. Ununterbrochen sind sie auf der Suche nach den rar gewordenen, appetitlichen Königspolios und wenn sie erst einen gefunden haben, wird dieser nicht mehr aus den Augen gelassen. Mit durchdringendem, grauenerregendem Krächzen verständigen sie auch auf weite Entfernungen ihre Artgenossen, die dann so schnell wie möglich herbeieilen. Von Ast zu Ast flatternd oder scheinbar uninteressiert auf Wiesen und Straßen nebenher trippelnd bleiben sie immer in der Nähe des Opfers, um eine günstige Gelegenheit für einen Angriff abzuwarten. Sie wissen nur zu gut, dass Polios relativ hilflos jeglichen Attacken gegenüberstehen, da diese selbst niemals irgendjemanden angreifen würden. Und so fällt es ihnen nicht besonders schwer, einen ausfindig gemachten Polio zu beschatten und, sobald er alleine ist, mit ihren scharfen Krallen und dem stählernen Schnabel grausam zu töten, um ihnen das zarte Fleisch von den Knochen zu reißen und ihren Heißhunger auf Königspolios für eine Weile zu stillen.  Es gibt auch Dollmäns mit weißem Federkleid, doch diese sind den Polios wohlgesinnt. Sie leben am Meer und ernähren sich überwiegend von kleinen Fischen und anderen Meeresfrüchten. Sobald sie einen Königspolio in ihrer Nähe wissen, verjagen sie die bösartigen, schwarzen Namensvettern fanatisch und die kleinen Freunde dürfen sich in Sicherheit wiegen. Da die Mehrzahl der wenigen, übrig gebliebenen Königspolios nicht am Meer lebt und somit die gutmütigen, weißen Dollmäns nicht immer ein Auge auf sie werfen können, sind diese aber keine allzu große Hilfe für sie. Weit entfernt von wohltuenden Meeresbrisen, brausenden Brandungen, herrlichen Sandstränden und den beschützenden weißen Leibwächtern leben die friedvollen Polios also stets mit der qualvollen Angst vor den schwarzen Scheusalen. Sie können mit niemandem über ihre Todesängste reden, denn keiner würde ihnen glauben. Nur Königspolios kennen diese gefährlichen Feinde, die für die nichtpoliotischen Mitbürger nur große schwarze Vögel, aber keine Lebensgefahr darstellen. Man würde sie nur auslachen. Und ausgelacht zu werden ist für den netten, kleinen, aber doch selbstbewussten Königspolio so ziemlich das Schlimmste, was ihm neben den schrecklichen Dollmäns widerfahren kann. Also schweigt er und sucht stattdessen immer neue Ausreden, um den Weg, an dem er Dollmäns sieht oder auch nur vermutet, umgehen zu
Ferdinand Schießl
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